der von Hilfikon


Liederwerkstatt
Minnelieder stammen aus dem Mittelalter und sind Schriften wie dem Codex Manesse, auch bekannt als die Große Heidelberger Liederhandschrift, entnommen. Diese Lieder sind auf Mittelhochdeutsch verfasst und daher heute kaum mehr verständlich.
Das Ziel der Liederwerkstatt ist es deshalb, die „Message“ von damals auf Schweizerdeutsch verständlich zu machen – dabei soll die Form der Lieder so weit wie möglich erhalten bleiben, jedoch an die Hörgewohnheiten heutiger Zuhörer angepasst werden.
Hier beschreibe ich, wie ich methodisch vorgehe: Zunächst muss ein geeignetes Lied ausgewählt werden.

Wahl des Liedes
Das Auswahlkriterium für die Minnelieder ist ihre nachgewiesene Herkunft aus einer der mittelalterlichen Handschriften sowie ihre Sangbarkeit. Das bedeutet, dass das Lied nicht zu lang sein sollte (ca. 3 Minuten), höchstens 3–4 Strophen umfassen darf und eine Reimstruktur aufweisen muss, die mit einer Melodie kombiniert werden kann.
Quelle: https://www.ldm-digital.de/
Im nächsten Schritt dichte ich den mittelhochdeutschen Liedtext ins Schweizerdeutsche nach.
Nachdichtung in 3 Schritten
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Übersetzung des mittelhochdeutschen Textes ins moderne Hochdeutsch, gefolgt von einer kreativen Nachdichtung auf Schweizerdeutsch.
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Inhaltskorrektur unter Berücksichtigung der semantischen Aspekte, basierend auf den Beschreibungen in Lyrik des deutschen Mittelalters (https://www.ldm-digital.de).
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Analyse des Reimmusters und Zählung der Silben. Da die Silbenanzahl der Originalverse innerhalb eines Liedes oft variiert, wird sie zur besseren Anpassung an das moderne Gehör – soweit möglich – auf einen Durchschnittswert des Originals normalisiert.
Nun liegt zwar der Liedtext vor, doch die Melodie fehlt noch. Da die meisten Minnelieder ohne Notation überliefert wurden, muss in einem nächsten Schritt eine passende Melodie aktiv gesucht oder neu komponiert werden.


Melodie
Eine passende Melodie suche ich durch Literaturstudium und Höranalysen. Anschließend unterlege ich die Melodie mit Akkorden um sie in die Moderne zu bringen. Mir ist bewusst, dass nach heutiger Erkenntnis die Verwendung von Akkorden im Mittelalter weitgehend unbekannt gewesen sein soll. Abweichungen von der Originalmelodie nehme ich bewusst in Kauf um das moderne Gehör anzusprechen.
Quellen:
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Troubadours – Trouvères. Minne- und Meistergesang von Friedrich Gennrich (Das Musikwerk. Eine Beispielsammlung zur Musikgeschichte, Heft 2, Arno Volk Verlag, Köln)
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YouTube
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Canitgas de Santa Maria
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Jenaer und Kolmarer Liederhandschriften
Vertonung und Aufnahmen
Die Lieder nehme ich schließlich im Heimstudio auf (Ausnahme siehe unten) und kombiniere sie mit synthetischen Instrumenten wie Flöte, Harfe und anderen (Logic Pro X). Dabei versuche ich, im Sinne von Silvan Wagner [1] eine „Horizontverschmelzung“ zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen.
Anders gesagt: Die Minnelieder und ihre Inhalte sollen für moderne Menschen erlebbar und zugänglich gemacht werden.
Ausnahme: die Lieder im Projekt Schweizer Minnesänger nehme ich direkt vor Ort mit zwei Mikrofonen auf. Die Hintergrundgeräusche sind dabei Teil des Werkes.
[1] Fruchtbares Scheitern. Die Interpretation mittelalterlicher Musik als praktische Hermeneutik. Hollitzer Verlag, 2021. JSTOR, https://doi.org/10.2307/j.ctv1jpf64q. Accessed 14 June 2024
